2015

Pädagogischer Tag 2015

Der 23.April ist nicht nur der Tag des Buches und des Bieres, sondern in diesem Jahr auch der Tag für „ girls and boys“, Berufe zu erkunden. Deswegen eignet sich dieser Tag auch für uns Lehrer und Lehrerinnen, unserer Professionalität ein wenig auf die Sprünge zu verhelfen. Der Tatort war wie im letzten Jahr das Kreisjugendheim in Ernsthofen.

„So lebte er hin.“ (Lenz von Georg Büchner)

Folgt man einem Gedanken des englischen Philosophen David Hume, so beruht unser Glaube, dass der Lauf der Welt auch morgen in etwa der sein werde, der er gestern war und heute ist, auf einer Intuition, die sich nur aus Gewohnheit ihrer nicht mehr bewusst ist. Die schöne Errungenschaft der Aufklärung, dass allein Vernunft und Erfahrung uns durch das Leben leiten mögen, fußt in Wahrheit auf einem Gefühl, dem zu folgen zwar ratsam, dessen Richtigkeit jedoch nicht beweisbar sei. Der offenen Zukunft und der Unmöglichkeit, mit Bestimmtheit aus der Geschichte etwas lernen zu können, begegnen wir damit, dass wir uns Regeln aufstellen und Normen, deren Einhaltung uns in die Sicherheit wiegt, dass alles schon seinen rechten Gang gehen werde. Oft genug verschwinden solche Erwartungen an uns selbst und an andere in den Routinen des Alltags, in erfundenen Ordnungen, die es uns erlauben, anzunehmen, die Zukunft weitgehend zu kontrollieren.

Doch der Schein trügt. Ein Blick in die Medien genügt, um festzustellen, dass die Regel nicht das Normale ist, sondern die Katastrophe, die uns trotz oder wegen ihrer Ferne berührt und anrührt, dabei Ahnungen in uns wecken mag, dass das Immer-so-weiter auch plötzlich ein Ende finden kann, wenn es auf einmal neben dir steht, das Glück, das Unglück, der Unfall, der Tod: die Welt scheint nicht mehr das zu sein, was sie war, der Lauf der Welt steht still und schweigt. Unsere Intuition, von heute auf morgen zu schließen, von dem Einzelnen auf das Allgemeine versagt ihren Dienst.

Solchen Krisen – Trennungen, schwere Unfälle, Missbrauch, Suizid, Tod – in der Schule zu begegnen, war das Thema des Pädagogischen Tages. Eingeladen waren auch Mitglieder der SV und der Elternschaft. Organisiert wurde er von unseren Kollegen Herrn Lichtenstern und Frau Gatzweiler, unterstützt von eingeladenen Schulseelsorgern und Kolleginnen an anderen Schulen, von einem Schulpsychologen und einem ehemaligen Kollegen und ein Kollegin, die, alle durch langjährige Erfahrungen und Fortbildungen geschult, als Mediatoren und Mode-ratoren das vielschichtige Thema mit dem Kollegium erarbeiteten.

Krisen sind eigentlich unser Alltag, nur erkennen wir sie oft genug nicht rechtzeitig. Oder wir neigen dazu, sie nicht an uns heranzulassen, sie auszublenden, sie zu verschweigen. Wir bleiben allein und hoffen, irgendwie noch einmal davonzukommen. Dass es für das Unfassbare keine vorgefertigten Lösungen gibt, dass das Unbegreifliche nicht begriffen werden kann, mag einleuchten, doch hilft solche Einsicht weiter? Dieser Leitgedanke wurde mit Hilfe eines Impulsreferates von Herrn Lichtenstern aufgegriffen und hermeneutisch vertieft. Schon in der Antike, der wir auch unsere Begriffe für solche Ereignisse verdanken, hat mit eben der Katastrophe, der Krise, der Tragödie, der Katharsis, der Hybris, der Panik versucht, die Welt aus den Fugen begrifflich zu umstellen, damit man die Spannung und den Widerspruch zwischen unserer individuellen Freiheit und einer Schicksalshaftigkeit aushalte, ohne den Glauben an den Sinn des Lebens zu verlieren.

Im Anschluss daran wurde in bewegenden Worten uns ein Unfall geschildert, wie er sich alltäglich vor unserer Schule ereignen kann, der alle fordert und auffordert, ohne dass man wüsste, was zu tun sei. Im Anschluss wurden Arbeitsgruppen gebildet, die diesen Fall aus unterschiedlicher Perspektive, sei es die der Eltern, der Schüler, der Lehrer u.a., betrachteten und Vorschläge entwickelten, wie man solchen Fällen begegnen kann. Die Ergebnisse wurden im Plenum vorgestellt. An diesem Vormittag hat sich aber auch das Kriseninterventionsteam der Schule getroffen und eine Agenda erarbeitet, die es in den nächsten Sitzungen zu abzuarbeiten gilt

Vor der Mittagspause stellte der Psychologische Dienst der Kinderklinik Prinze3ssin Margret in Darmstadt das Projekt „Anna“ vor, mit dem sie als Anlaufstelle gefährdeten Jugendlichen Hilfestellung, Beratung, aber auch Therapie anbieten.

Nach der Mittagspause wurden verschiedene Krisen und Konflikte, die die Arbeit in der Schule beeinflussen, aufgegriffen und mit Hilfe der Moderatoren erarbeitet. Dabei ging es um sexuellen Missbrauch, um Suizid, um Trauer, Trennungen, aber auch um Resilienz, nämlich die Stärkung der eigenen Kräfte, um Methoden kennen zu lernen, mit deren Hilfe der Erschöpfung und den Hilflosigkeitsgefühlen entgegengewirkt werden kann. Diese gleichsam stillen Krisen sind es oft, die unbemerkt zunächst das Leben schwer und unsere Emotionen dunkel werden lassen. Krisen erkennen und Krisen annehmen sind der Beginn einer großen Freundschaft, der nämlich mit sich selbst.

Am Ende des Tages nahm jeder einen Stein mit, nicht den der Weisen, auch nicht den des Anstoßes, sondern den des kleinen Glücks, dass in den reflektierenden Begegnungen ein Stück mehr auch der Zusammenhalt gestärkt worden ist.

Die Pädagogische Steuerungsgruppe dankt den Mitwirkenden, insbesondere, Herrn Michael Lichtenstern, Heiko Ruff-Kapraun, Dr. Hubert Köhler, Andrea Gerecke, Dr. Harmjan Dam, Eva Maria Loggen, Mick Schäfer und Monika Krumbach