Drei Äffchen: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Projekt Sexualisierte Gewalt der E-Phase und Q3

Mit diesem Titel beschreiben Schülerinnen und Schüler ihre Empfindungen bei der Auseinandersetzung mit dem Thema Sexualisierte Gewalt. Diese Äußerung zeigt einerseits, wie groß die Herausforderung, vielleicht sogar Zumutung, ist, sich mit diesem Thema zu beschäftigen, andererseits jedoch auch das außerordentliche hohe Reflexionsniveau, auf dem den Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung im Projekt Sexualisierte Gewalt gelungen ist. Anlass dieses Projekts war der Internationale Tag zur Beseitigung von Gewalt gegen Frauen am 25.11.2019.

2020 kreative Arbeit

Global gesehen ein Tag, der tagtäglich begangen werden müsste. Nur zwei Zahlen für Deutschland: an jedem dritten Tag wird eine Frau von ihrem (Ex-)Mann ermordet. Jede dritte Minute wird eine Frau vergewaltigt. Weltweit sind die Zahlen noch höher, zumal Vergewaltigung eine etablierte Kriegswaffe ist.

In unserem Projekt sollte genau dies zum Ausdruck kommen: sexualisierte Gewalt ist ein gezielter Ausdruck von Macht. Es geht nicht um Pädophilie oder besser gesagt um Pädosexualität, nicht um eine versehentliche Tat oder eine bedauerliche Kapitulation vor einem übermächtigen Trieb, sondern um Machtdemonstration und -missbrauch. Sexualisierte Gewalt betrifft nicht nur Frauen, sondern auch Männer genauso wie Jungen und Mädchen – in jedem Alter, unabhängig von Milieu und Bildungsstand. Diese Erkenntnisse, in kreativen Arbeiten zum Ausdruck gebracht und individuell in Dokumentationen reflektiert, rüttelten die jungen Menschen auf. Sie stießen auf ein Tabuthema, was anfangs zur Empfindung und zum Wunsch führte: nichts hören, nichts sehen, nichts sagen.

Das muss (s)ich ändern! So das Fazit.

Aber der Weg dahin war gar nicht so einfach, wie in einigen Dokumentationen zu lesen war. Den Beginn des Projekts bildeten Beschreibungen unterschiedlicher Situationen (mehr oder weniger in den Kontext sexualisierter Gewalt gehörig – eher mehr als weniger alltäglich), die im Klassenraum aufgehängt wurden und die zu kommentieren waren: „Statt jedoch ernste Einstufungen und Begründungen abzugeben, machten wir uns mehr oder weniger einen Spaß daraus, die Vorfälle mit lustigen Bemerkungen oder unbegründeten Beleidigungen zu kommentieren. Wir nutzten diese Schutzreaktion unseres Geistes, um von den schrecklichen Vorfällen abzulenken. Uns war natürlich bewusst, dass die in den Texten beschriebenen Vorfälle mehr als nur grenzwertig waren, doch wir wollten deren Realitätsbezug nicht wahrhaben.“ Ein weiteres Bespiel, das die erste Reaktion der Verdrängung sehr gut reflektiert: „Wir erinnerten uns an die erste Stunde zurück, in der an den Wänden des Klassensaals verschiedene Aussagen ausgehängt waren, die größtenteils als Fälle sexualisierter Gewalt galten. Hier fiel es einem schwer, das Thema nah an sich heranzulassen und wir lenkten von der Ernsthaftigkeit der Aussagen mit häufig leichtsinnigen Kommentaren ab. Der Realitätsbezug liegt zum Glück für die meisten von uns in weiter Ferne, aber ich würde behaupten, dass dieses Experiment uns gezeigt hat, dass man nicht wahrhaben möchte, dass sowas Menschen widerfährt und diese nicht einmal darüber reden können.“ Diese beiden Zitate verdeutlichen einerseits das große Tabu, das es aufzubrechen galt und gilt, zeigen aber auch die ungemein hohe Reflexionsfähigkeit der beiden Autoren.

„Zum Glück für die meisten von uns in weiter Ferne“: Mit dieser Aussage in unterschiedlichen Worten setzten sich noch andere Schülerinnen und Schüler auseinander. Exemplarisch soll an dieser Stelle die Zeichnung stehen mit dem Titel: „Schauplatz der Gesellschaft: Wer ist Opfer von Gewalt? Sexualisierter Gewalt?“ Denn wenn man nur etwas genauer hinsieht, dann ist sexualisierte Gewalt tatsächlich nicht in weiter Ferne, dann beginnt sie im Alltag, in Sprache, Gesten, Berührungen und Grenzverletzungen. Und genau in diesen kleinen und scheinbar unbedeutenden Situationen lohnt es sich, über die eigenen Gefühle und Grenzen zu sprechen, dafür einzustehen und einander zu respektieren.

Genauso tragen alle anderen Werke, die entstanden sind, in vielfältiger, höchst anspruchsvoller und erstaunlich einfühlsamer Form dazu bei, die „Schutzreaktion des Geistes“ aufzubrechen und das Tabu zum Thema zu machen. In einem weiteren Zitat finden sich noch deutlichere Worte: „Wieso ist das Thema so anders, obwohl es für viele dem Alltag entspricht? Durch diese Gedanken wurde mir klar, dass dieses Thema eigentlich nie angesprochen und dadurch zu einem besonderen Thema wird. Und darin liegt das Problem. Warum hört, liest bzw. redet man eigentlich nie über solche Themen? Warum stehen solche Themen, die das reale Leben beschreiben, nicht im Lehrplan?“

Es ist unsere Aufgabe, diese Themen, die das reale Leben beschreiben, zum Lehrplan zu machen, nicht nur im Unterricht, sondern im realen Leben. Die Werke der Schülerinnen und Schüler werden in einer Ausstellung präsentiert werden, damit sie von allen wahrgenommen werden können, damit das reale Leben wahrgenommen wird. Aus diesem Grund arbeitet unsere Schule unter Leitung von Frau Ast (Ansprechperson gegen sexualisierte Gewalt) gemeinsam mit Eltern, Kolleginnen und Kollegen sowie Schülerinnen und Schülern an einem Schutzkonzept, das herausführen soll aus der Haltung „zum Glück für die meisten von uns in weiter Ferne“ oder raus aus dem „Schutzraum des Geistes“ hin zu hören, sehen und sprechen: zu Achtsamkeit, Schutz und Prävention. Die Albert-Einstein-Schule soll Schutzraum werden gegen sexualisierte Gewalt! Das ist das Fazit aller Werke.

Die Schülerinnen und Schüler wünschen sich, dass sie durch die Ausstellung dazu beitragen können, differenziert und einfühlsam, gleichzeitig auch direkt und deutlich diesen Machtmissbrauch zu brechen. Sie machen mit ihren Werken und Dokumentationen das Tabu zum Thema.

Dagmar Ast und Sophia Brand